Bericht Westfälische Rundschau vom 18.10.2008

Von Christina Römer
Altena. 6.45 Uhr: Auf dem Hausflur sind schon Stimmen zu hören. Obwohl so früh noch keiner aufstehen muss - in der Demenz-WG' schläft niemand lange. Schließlich möchten die Bewohner zusammen frühstücken. Und das wird gemeinsam vorbereitet.

Acht Türen öffnen und schließen sich - jeder Bewohner hat ein eigenes Zimmer. In der geräumigen Küche steht ein langer Tisch, an dem alle vier Männer und vier Frauen Platz finden. Zudem helfen meistens zwei Betreuer mit – eine Pflegefachkraft und eine Assistentin vom Pflegeteam Altena. „Unser Grundgedanke ist, dass jeder hier so selbstständig wie möglich leben kann", erklärt Sabine Seitz, stellvertretende Pflegedienstleiterin vom Pflegeteam Altena. „Die Wohngemeinschaft soll ein richtiges Zuhause sein!"
Seit fast einem Jahr gibt es die Demenz-WG im ehemaligen Schwesternwohnheim des St. Vinzenz-Krankenhauses. Die Bewohner - alles an Demenz erkrankte Menschen - zahlen Miete für ihr Zimmer und für die gemeinschaftlich genutzten Räume. Dazu gehören Wohnzimmer, Küche und Badezimmer. Zusätzlich muss der Pflegedienst bezahlt werden, der von den Angehörigen beauftragt worden ist. Anders als bei Angeboten wie „betreutes Wohnen" ist immer jemand vom Pflegedienst vor Ort. Auch nachts. „Wir machen aber keine Rundgänge, wir sind einfach da", meint Seitz. „Allerdings können Demenz-Kranke auch noch viel selbst machen", erklärt sie. Und dazu werden die Bewohner von Sabine Seitz und ihren Kolleginnen animiert.
11.30 Uhr: Der Frühstückstisch ist abgeräumt, schon beginnen die Vorbereitungen für das Mittagessen. Karl-Wilhelm Wölk schält schon einmal die Kartoffeln. „Ich bin froh, wenn ich mithelfen kann", sagt er. Sonst sei es doch langweilig. „Ich musste mich aber erst an das Zusammenleben gewöhnen", gibt er zu. Lange habe er alleine gelebt - jetzt gehe er in der Gemeinschaft richtig auf, erzählt Seitz. Auch die anderen Bewohner helfen mit: Gemüse putzen, klein schneiden oder den Tisch decken.

Bewohner probieren alte Rezepte aus

„Das Langzeitgedächtnis von Demenzkranken funktioniert ja oft noch gut", meint Seitz. Deshalb könnten einige noch richtig kochen und sich an alte Rezepte erinnern. Auf den Tisch kommt, was einfach zu kauen ist: Möhreneintopf, Spinat oder Nudelsuppe stehen oft auf dem Speiseplan. „Die Bewohner können sich selbst aussuchen, was sie essen wollen", sagt Pflegefachkraft Ramona Silvia Waschke. Mit einem langen Einkaufszettel geht einer vom Pflegedienst dann einkaufen. Bei kleineren Besorgungen zu Fuß können auch die Bewohner mitgehen.
14 Uhr: Es ist ruhig geworden in der Wohngemeinschaft. Nach dem Mittagessen und vielen Gesprächen über gemeinsame Bekannte, Altena und die baulichen Veränderungen, oder was die Senioren sonst noch in der Tageszeitung oder der Klatschzeitschrift lesen, ist Mittagsruhe angesagt. Die meisten Bewohner haben sich in ihre Zimmer zurückgezogen. „Zwar machen wir wirklich viel gemeinsam, aber da steckt überhaupt kein zwang dahinter“, erklärt Waschke. Unter den Bewohnern habe sich einfach ein gemeinschaftliches Leben entwickelt.
Wichtig sei es, den .Senioren ein Gefühl von Zuhause zu geben. „Wir gehen auf die Vergangenheit der Bewohner ein, lernen sie kennen", erzählt Seitz. Personifizierte Pflege nenne sich das Prinzip, das dahinter stecke. Manchmal werden die Angehörigen eingeladen, die etwas über ihre Verwandten erzählen. Mit diesem Wissen fangen die Pflegekräfte die Bewohner auf. Wenn einer zum Beispiel das Gefühl habe, er müsse weglaufen, nach Hause gehen, dann holt man ihn in dieser Welt ab. „Zuhause ist dann meist gar kein realer Ort mehr", stellt Seitz fest. Aber das Gefühl, das sich dahinter verberge, das könne man ihm vermitteln. Und ein Zuhause bleibe die WG für die Bewohner, bis zum Tod.
2l Uhr: Kaffeetrinken, Abendessen - der Tag wird von den Mahlzeiten strukturiert. Jetzt gluckert die Spülmaschine und der Fernseher läuft. Heute Abend gibt es Fußball - das guckt sich vor allem ein Bewohner gerne an.
Einige sind bereits wieder auf ihrem Zimmer. Wie Gretchen Albert. „Das ist mein Zuhause", weiß sie. „Hier ist mein Bett, meine Bücher und meine Familie", sagt sie und schaut sich versonnen alte Familienfotos an.

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